02.05.2020
Andacht "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben"

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ (Joh 15,5) Vor sechs Jahren bekam der Senior des Kirchenkreises, Dr. Matthias Rein, ein besonderes Geschenk zum Geburtstag überreicht: eine Weinpflanze. Hier seine Gedanken zu dem Text aus dem Johhannesevangelium.

Seit fast sechs Jahren wächst der Wein an der Südwand einer Natursteinmauer in unserem Garten. Vor drei Jahren haben wir zum ersten Mal Weintrauben von diesem  Weinstock gegessen. Sie schmecken wunderbar, mit einem leichten Muskat-Geschmack. Im Winter beschneide ich den Weinstock. Dann ist er ganz kahl. Aber es ist erstaunlich, mit welcher Kraft in kurzer Zeit überall neue Ranken hervorbrechen. Große  grüne Blätter erscheinen und die Ranken strecken sich der Sonne entgegen. Irgendwann entstehen die Reben, blühen und dann sieht man schon die kleinen Trauben. Im letzten Jahr trug der Weinstock reiche Frucht. Das merkten auch die Wespen und holten sich ihr Teil.
Ich bin kein großer Gärtner und auch kein Weinexperte. Aber ich freue mich in jedem Jahr über den Weinstock und seine Reben. Und ich esse die süßen Trauben gern.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ So hören wir heute aus dem Johannesevangelium. Der Weinstock und seine Reben – damit vergleicht Jesus die Zusammengehörigkeit zwischen den Menschen, die mit ihm verbunden sind, und sich selbst. Und da gibt es einiges zu bedenken: Eine Rebe kann aus sich selbst keine Frucht bringen. Wenn sie vom Weinstock abgeschnitten ist, dann verwelkt sie. Der Weingärtner schneidet die Rebe, die keine Frucht bringt, ab. Sie entzieht dem Weinstock unnötig Kraft. Der Weingärtner unterstützt die Rebe, die Frucht bringt. Er schafft ihr Licht und Raum zum Wachsen, er versorgt den Weinstock mit Wasser und Nährstoffen, er beseitigt Schädlinge und behandelt die Pflanze gegen Krankheiten. Er bindet die Rebe an, damit sie Halt hat und der Wind sie nicht abknickt, damit sie die schwere Frucht tragen kann. Damit die Rebe mehr Frucht bringt. Wenn die Rebe am Weinstock bleibt, wenn sie vom Weinstock Wasser und Nährstoffe bekommt, dann bringt sie viel Frucht.
Das ist das Bild für die Verbindung zwischen Christus und denen, die zu ihm gehören. „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Dazu Worte zum Nachdenken: Eine Rebe sein – ein  Zweig unter Zweigen, ein Ast unter Ästen, eine Ranke, geprüft, gestützt, erhalten. Eine Knospe im Frühling, eine Blüte im Sommer, eine Traube im Herbst, ein kahler Ast im Winter. Verbunden sein, Lebensverbindung haben, einwurzeln, sich verzweigen, aus Stärkerem hervorgehen, seinen eigenen Platz finden, sich zur Sonne strecken, sich festhalten und festgehalten werden. Teilhaben am Ganzen, Versorgtsein aus der Tiefe, Bleiben im Geheimnis des Lebens. Gefährdet, gefordert, gewonnen und verloren – wunderbar zu leben. Wunder des Lebens: ein Zweig sein am Balken, der grünt.
Für dich gebrochen.
Für dich vergossen.
Für dich das Leben mitten im Tod.